Willkommen auf der PANORAMA-Kolonie von Michael Marrak

A PARALLAX VIEW * ist Weblog, Babelfisch-Aquarium, Tagebuch oder Online-Journal, was auch immer. Es ist nicht unbedingt schöner als das Original, aber dafür praktischer. Sofern es mir alle Knebelverträge, Geheimhaltungsvereinbarungen, Verschwiegenheitspflichten und sonstigen Diskretionen erlauben, gibt es hier Einblicke hinter die Kulissen von Buchmarkt, Schriftstellerei, Illustration, Computerspiel-Entwicklung, Phantastik-Szene und den allgemeinen Wahnsinn in diesem Spiralarm.
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Sonntag, Mai 25, 2008

Höhere Gewalten


Normalerweise ist man als Autor recht umtriebig, sobald ein neues Buch erschienen ist, und bemüht sich um eine gewisse Medienpräsenz. Wenn man sich jedoch das Panorama der vergangenen sechs Monate ansieht, könnte man glauben, jede Napfschnecke im Hamburger Hafen hätte ein ereignisreicheres Leben als ich. Mal davon abgesehen, dass ich mir zumindest während der vergangenen drei Monate hin und wieder gewünscht hatte, eine Napfschnecke zu sein, war jedoch genau das Gegenteil der Fall. Und als im Januar das Interview für die Phantastik Couch entstand, war die Welt auch noch in Ordnung.

Ich hatte diesen Eintrag bereits mehrmals fertig formatiert im Editor - mal kürzer gefasst, mal länger, mal ernst oder sogar ironisch - und hätte nur noch auf „übermitteln“ drücken müssen. Statt dessen habe ich ihn immer wieder gelöscht und den Computer ausgeschaltet - mit dem Entschluss: das ist Privatsache. Ein paar Tage oder Wochen später begann ich ihn jedoch wieder neu zu schreiben, nur um anschließend das gleiche Spiel zu treiben wie zuvor.

Nach dem recht erschöpfenden 2007 stand für mich fest: einen derartigen Raubbau an Leib und Seele betreibe ich ein Jahr lang, aber keine zwei. Also konzentrierte ich mich die ersten anderthalb Monate des Jahres ausschließlich auf die Story von Black Prophecy, um ab Mitte Februar drei Monate „Romanurlaub“ zu nehmen. Drei Monate, in denen ich in aller Ruhe den zweiten AION-Band und meine Story für den DUNWICH-Reiseführer vollenden wollte.

Soweit die Pläne.

Am Morgen des 19. Februar – mein sogenannter Romanurlaub war kaum 35 Stunden alt – verstarb völlig unerwartet mein Vater und hinterließ einen großen Haufen Probleme. Seither bin ich damit beschäftigt, das nicht gerade unkomplizierte (und leider auch sehr langwierige) Prozedere mit sechsstelliger Schuldentilgung, Gewerbeauflösung, Steuerberater, Bestatter, Erbscheinen, Notaren, Gutachtern, Banken, Rechtsanwälten, etc. zu managen, da mein Bruder und ich die ganze Sache allein aufdröseln müssen. Statt der letzten sechs Kapitel von AION II schrieb ich eine Rede für den Trauergottesdienst. Das machte nicht wirklich Spaß. Natürlich hätte die Möglichkeit bestanden, das Erbe abzulehnen – doch dann säße mein Bruder quasi auf der Straße, denn das ehemalige Elternhaus, in dem er mit seiner Familie wohnt, gehört ebenfalls zum Erbe. Also Augen zu und durch.

Inzwischen hat sich die Angelegenheit für mich vom emotionalen in den nüchtern-sachlichen Bereich verlagert. Was bleibt ist ein Gefühl, als hätte man sich zwei Jahre lang auf ein neues Rennen vorbereitet – nur um kaum fünfzig Meter nach dem Start in der ersten Kurve unfreiwillig im Kiesbett zu landen. So gerne man das Rennen auch fortsetzen möchte: der Wagen steckt fest, weiter geht es nur noch zu Fuß. Dabei ist es keinesfalls der Verlust, der die Arbeit lähmt, sondern der Rattenschwanz an lästigen, aufgezwungenen Verpflichtungen, der uns seither auf Trab hält. Die anfängliche „Privatsache“ hatte somit immer offensichtlichere Konsequenzen für laufende Projekte.

Während der vergangenen Monate erreichten mich zahlreiche E-Mails von Lesern, Buchhändlern und Herausgebern/Verlegern, von denen ich jedoch nur die wenigsten beantwortete - mit ein paar knappen Sätzen, die die augenblickliche Situation umrissen. Drei oder vier Einladungen zu Anthologien waren darunter, andere fragten nach Illustrationen oder einem Titelbild für ein Buch oder Magazin. Manche warten leider bis heute auf eine Antwort. Dabei spielte keinesfalls mangelnde Attraktivität oder Lukrativität der Projekte eine Rolle, sondern schlichtweg der Mangel an Zeit und die Tatsache, das ich kaum zu Hause war bzw. bin – sei es, um Behördenkram zu erledigen, ein riesiges Haus zu entrümpeln oder ein 80 mal 80 Meter großes Rasengrundstück zu mähen. Die wenigen ruhigen Tage, die ich zum Schreiben finde, nutze ich fast ausschließlich für AION II.

An dieser Stelle daher ein großes SORRY für alle unbeantworteten Mails und Beitragsanfragen der vergangenen 100 Tage. Das Problem beim Schreiben von Büchern und Geschichten (sowie halbwegs ausführlichen Antwort-Mails) ist momentan leider nicht das nicht Wollen, sondern das nicht Können. Aus diesem Grund möchte ich augenblicklich auch keine Projektzusagen machen, denn sie wären auf äußerst wackeligen Beinen gebaut. Bitte keine Anfragen mehr nach Storybeiträgen für Anthologien, Illustrationen zu Geschichten oder Titelbildern! Ich würde liebend gerne zusagen, aber ich kann sie nicht wahrnehmen. Zwar hoffe ich, dass sich die Situation ab Anfang Juni etwas entspannt, aber Murphys Gesetz traue ich nicht über den Weg.

Wie dem auch sei, die AION-Welt dreht sich weiter. Ursprünglich war für Band 2, der zu 3/4 fertig ist, der Februar 2009 als Veröffentlichungstermin angedacht. Angesichts der recht komplexen privaten Situation haben wir (Verlag, Agent & ich) uns jedoch entschlossen, die Deadline und das Erscheinen des zweiten Teils um ca. 6 Monate zu verschieben, da ich momentan größtenteils mit „Haus- und Hofverwaltung“ beschäftigt bin. Derzeit strebe ich eine Veröffentlichung bis Sommer 2009 an, aber das letzte Wort hat da natürlich der Verlag. Ich hoffe somit auf das Verständnis und die Geduld aller Leser des ersten Teils. Ein ungünstigeres Timing hätte es kaum geben können, aber nun ist es eben passiert und nicht mehr zu ändern. AION 2 wird zumindest um einiges phantastischer werden als Teil 1, soviel kann ich schon mal verraten, denn Miras Reise in (und durch) die AION-Welten hat erst begonnen ...

1 Kommentare:

jensscholz hat gesagt…

hey, das ist ja echt übel. grade wenn man mit kreativität sein geld verdient, ist eine solche situation ja nicht nur schwierig und belastend, sondern tötet einem auch noch die arbeitsgrundlage ab.
ich wünsche dir/euch alles gute und die möglichkeit, in ruhe luft zu holen, wenn am ende alles abgearbeitet ist.
(und falls du dich mal zwischendurch ablenken willst, komm einfach mal in köln vorbei)