Da in diversen Foren erwartungsgemäß schnell das Totschlagargument vom Futterneid aufgetaucht ist, sei mir ein kleiner Nachtrag zum Thema Schwarm-Marketing gegönnt.
Zunächst einmal: Hätte ich (falls denn alle Recherchequellen tatsächlich der Wahrheit entsprechen) so lange für ein Buch recherchiert wie Frank Schätzing, jahrelang an dem Text gearbeitet und das angesammelte Wissen nebst guter Story in einem derart umfangreichen Werk verarbeitet, würde ich zweifellos ebenfalls alles Werbemögliche in Bewegung setzen, um potentielle Leser davon wissen zu lassen und das Buch zu verkaufen. Die Zeit, die Schätzing für diesen Traum geopfert hat, war einfach zu wertvoll. Insofern kann ich einige der vergangenen Werbekampagnen für „Der Schwarm“ gut nachvollziehen und sogar gutheißen.
Was mich jedoch an der jetzigen Kampagne die Nase rümpfen lässt, ist die ganze Bigotterie, mit der sie in der völlig falschen Rubrik daherkommt, dieses verheuchelte „ach ja, wussten Sie eigentlich, dass Autor XY dies bereits in seinem Buch Z beschrieben hat?“. Zugegeben, der Buchmarkt wird immer härter, und da ist jede Hilfe von Medienseite Gold wert. Wer da als Autor mittlerweile auf eine kleine, im Laufe der Jahre angesammelte „Marketing-Privatarmee“ in Medien-Schlüsselpositionen zurückgreifen kann, die sich je nach Bedarf „anknipsen“ lassen, hat die besten Karten, um in der Masse der Veröffentlichungen hervorzustechen. Inwiefern ein Autor den Startschuss für derartige Erinnerungswerbung setzt, oder ob es „nur noch“ die Presseabteilung des Verlages ist, die agiert, sei dahingestellt.
Im Grunde ist die Delphin-Geschichte völlig banal und kaum der Rede wert, wäre sie nicht ausgerechnet auf einer der höchstfrequentierten Online-Medienplattformen Deutschlands erschienen. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass sie ohne Mithilfe des Autors entstanden und schlicht und ergreifend dem Impuls einer beeindruckten Schwarm-Leserin entsprungen ist, die vorteilhafterweise auch Spiegel Online-Reporterin ist; gediehen aus einer Mischen aus Helfersyndrom, Idolvergötterung und platter Mythenmacherei. Allerdings ist die Nähe zur Buchmesse und der TB-Veröffentlichung schon sehr verdächtig. Die wenigen „wörtlichen“ Statements, die von Schätzing in den Artikel eingestreut wurden, könnten von Frau Liebermann genauso gut aus diversen Interviews zusammengesammelt worden sein. Daran wäre weiter nichts auszusetzen. Was mich sauer aufstoßen lässt, ist, dass diese Werbekampagne unter dem Deckmäntelchen einer Katastrophen-Nachwehe in einer Wissenschaftsrubrik veröffentlicht wird und somit pseudoseriös daherkommt.
Manch einer erinnert sich vielleicht noch an den „Dieses Buch hat mir am Strand das Leben gerettet“-Leserbrief und die daraus resultierende Werbekampagne nach der Tsunami-Katastrophe, die von Schätzing und seinem Verlag Kiepenheuer&Witsch damals angeleiert wurde. Ich bin ebenfalls Autor und unterstütze konstruktive Buchwerbung, doch wie in allen Bereichen gibt es eine imaginäre Grenze, die allerdings jeder für sich selbst bestimmt – so, wie es Menschen (und Autoren) mit mehr oder weniger Skrupel oder Moralvorstellungen gibt. Bei Heuchelei reagiere ich allerdings überaus allergisch. Sie widerspiegelt etwas, das ich aus tiefster Seele heraus verabscheue. Und dazu zählt für mich u.a. die Delphin-Story.
In diesem scheinheiligen Topf der Selbstvermarktung findet man übrigens auch eine bekannte deutsche Fantasy-Autorin. Ihre Strategie: Einmalig zweimalig. Dabei lässt man sich – falls zur Hand – von der eigenen Zwillingsschwester für einschlägige Literaturmagazine interviewen und zeitlich unbegrenzt von der Werbeagentur selbiger hypen, in der Erwartung, dank unterschiedlicher (da eingeheirateter) Familiennamen merkt’s eh keiner.
1 Kommentare:
Nett gedacht, Michael Marrak.
Aber der Observer hatte bereits einige Tage (um genauer zu sein 2) vorher über dieses fischige Ereignis berichtet. (http://observer.guardian.co.uk/international/story/0,6903,1577753,00.html)
Ob der SPON sich im Nachsatz dazu hat hinreissen lassen, daraus eine PR-Kamelle für "Der Schwarm" zu stricken bzw. eine solche zu veröffentlichen, kann ich nicht beurteilen.
Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Schätzing und seine Marketingkumpane sich diese Story ausgedacht haben. Höchstens benutzt.
Ich bin ja sonst gerne für Verschwörungstheorien zu haben, vor allem im Marketingbereich. Aber hier werden Schätzing und seinem Verlag "Lorbeeren" zugeschrieben, die sie meiner Meinung nach nicht verdienen. :)
Gruß!
Tom
PS: Machen wir zwei gerade Werbung für diesen Ozean-Thriller? Verdammt ...
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