Willkommen auf der PANORAMA-Kolonie von Michael Marrak

A PARALLAX VIEW * ist Weblog, Babelfisch-Aquarium, Tagebuch oder Online-Journal, was auch immer. Es ist nicht unbedingt schöner als das Original, aber dafür praktischer. Sofern es mir alle Knebelverträge, Geheimhaltungsvereinbarungen, Verschwiegenheitspflichten und sonstigen Diskretionen erlauben, gibt es hier Einblicke hinter die Kulissen von Buchmarkt, Schriftstellerei, Illustration, Computerspiel-Entwicklung, Phantastik-Szene und den allgemeinen Wahnsinn in diesem Spiralarm.
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Samstag, September 17, 2005

Blumen aus dem Hülsenwald

E-Mail vom 15.09, 23:05 Uhr. Betreff: Viele Grüße aus Hollywood.

Lieber Herr Marrak,

ich bin 3D-Artist und arbeite bei EdenFX. Wir machen sämtliche Special Effects für Star Trek Enterprise. Zumindest haben wir das, bis das ganze Star Trek Imperium im April zusammengebrochen ist.

Ich wollte Sie beglückwünschen zu der Kurzgeschichte "Die Ausgesetzten". Das war bei weitem das am besten recherchierte Stück SF, was mir seit langem untergekommen ist. Eine geniale Überleitung von Fakten zu Fiktion, nahtlos und absolut glaubwürdig. Und das überraschende Finale, mit seinen endlosen Möglichkeiten das weiterzuspinnen - eindeutige Weltklasse. Im Grunde wollte ich daher nur nach einer englischen Version der Story googeln, als mir Ihre Homepage entgegenflatterte. Ihr Panorama habe ich mit Begeisterung verschlungen.

"Die Ausgesetzten" hat mich so zum Grübeln angeregt, dass ich die Geschichte am Liebsten meinen Kollegen gezeigt hätte - weil sie eine so grundplausible Erklärung für das Entstehen der Borg abgegeben hätte.

Wir haben uns hier bei EdenFX immer geärgert über die Screenwriter, die jede Woche mit einem noch belangloseren Script ankamen als die Woche zuvor. So viele vertane Chancen, das Star Trek Universum mit der Jetztzeit zu verweben. Stattdessen komplett ideenlose Handlungsstränge, die sich nur mit Biegen und Brechen an die Original-Serie anknüpfen ließen. Einfach Schade. Ich kann nur sagen: Wenn man da mal lieber Sie angeheuert hätte, ginge Enterprise jetzt in die fünfte Staffel.

„Imagon“ werde ich mir als nächstes zu Gemüte führen. Unter anderem auch aus beruflichem Interesse, denn das ist die nächste Welle von FX-lastigen TV-Serien: Äonenalte Tiefseemonster die sich als außerirdische Invasoren entpuppen. Da haben wir gleich zwei Serien von, eine dritte mussten wir an eine andere FX-Firma abgeben (dort kommen die Invasoren allerdings aus einer anderen Dimension.)


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Nun, hinter E-Mails, die mich aus Übersee erreichen, vermute ich prinzipiell zuerst jemanden, der sich aus dem Urlaub heraus einen Scherz mit mir erlaubt. So ging es mir bereits Mitte 1999, als mich eine Mail aus China (genauer: aus Shanghai) erreichte, in der ein gewisser Shiliang Da anfragte, ob er eine oder zwei meiner Kurzgeschichten für eine SF-Anthologie ins Chinesische übersetzen dürfe (was dann übrigens auch passiert ist).

Und nun Hollywood. Ausgerechnet Hollywood. Und dann auch noch aus einem der bekanntesten FX-Studios, welches sich u. a. für die Special Effects in Filmen wie Hellboy, Akte X, Passion of Christ und die erwähnte Star Trek: Enterprise-Serie verantwortlich zeigt. Das macht Staunen. Mein erster Gedanke: Wer in Los Angeles liest denn um Gottes Willen "Die Ausgesetzten" – und das auf deutsch? Die erste Vermutung: Der Verfasser hat die Story beim Surfen zufällig bei Epilog.de gefunden und online gelesen. Des Rätsels Lösung ist hingegen banal: Er ist gebürtiger Deutscher, lebt und arbeitet in Kalifornien, macht jedoch zweimal im Jahr „Heimaturlaub“ und deckt sich bei dieser Gelegenheit mit SF-Lesefutter ein. Beim letzten Mal offenbar mit dem Marrak-Back Catalogue. Das ehrt mich. Bin gespannt, ob der eine oder andere literarische Schnipsel aus den Büchern seinen Weg in eine der neuen Serien findet ...

Interessant auch, einmal direkt aus einem der Studios etwas über die Gründe des Scheiterns der Enterprise-Serie zu hören. Mal abgesehen von der zweiten Staffel, die wirklich zu einer Weltraum-Soap verkommen war, gefiel mir ST-Enterprise von allen Serien nach TNG am besten. Schade, dass die Zuschauer das neue Konzept nicht akzeptiert haben - was allerdings in der Tat auch an der chronistischen Inkonsequenz in der Serie lag. Statt tatsächlich ein VORHER zu zeigen, wurde Altbewährtes (die Borg, usw.) verwurstet. Zudem gab es den selben Konflikt, wie er in den Star-Wars-Prequels zu erkennen war: Die ST-Enterprise-Vergangenheit wirkte fortschrittlicher und optisch weiter entwickelter als die eigentliche "Zukunft" der Classic-Serie. Gut, es lagen über 30 Jahre dazwischen, aber der Anachronismus war unverkennbar.

Was übrigens die interpretierte Entstehung der Borg betrifft: So hat das ehrlich gesagt bisher noch niemand ausgelegt. Aber mit ein wenig Fantastie ... Ja, könnte sogar hinkommen. Es wäre allerdings ein frappierender Urknall für das Borg-Universum: Der Gott der Borg - ein galaktischer Müllschlucker! Wow!