Willkommen auf der PANORAMA-Kolonie von Michael Marrak

A PARALLAX VIEW * ist Weblog, Babelfisch-Aquarium, Tagebuch oder Online-Journal, was auch immer. Es ist nicht unbedingt schöner als das Original, aber dafür praktischer. Sofern es mir alle Knebelverträge, Geheimhaltungsvereinbarungen, Verschwiegenheitspflichten und sonstigen Diskretionen erlauben, gibt es hier Einblicke hinter die Kulissen von Buchmarkt, Schriftstellerei, Illustration, Computerspiel-Entwicklung, Phantastik-Szene und den allgemeinen Wahnsinn in diesem Spiralarm.
—— Stay tuned! ——

_____________________________________________________

Donnerstag, September 15, 2005

Blogsphäre = Vogsphäre?

Neben dem unsäglichen Werbetrommelgerühre für die bevorstehende Bundestagswahl beherrscht derzeit der Begriff „Blog“ die Medien. Blogger waren es, die während der Hurrikan-Katastrophe in New Orleans wegen ihrer ungefilterten Berichterstattung für Schlagzeilen sorgten – oft gar so lange, bis die Hauswände um sie herum davonflogen. Vor vier Jahren, nachdem die Twin-Towers eingestürzt waren und die westliche Welt im kollektiven Schockzustand auf New York starrte, zitierte die Presse Auszüge aus den Weblogs von Moby sowie anderen namhaften Künstlern und Musikern und vermittelte dabei eine große (und wahrscheinlich sogar ehrliche) Bewunderung für diese der Allgemeinheit zugänglich gemachten, zutiefst persönlichen Gedanken. Die Renaissance der bis vor wenigen Jahren noch milde belächelten Tagebuchschreiber und ihrer Tagebücher begann - im elektronischen Gewand – unmittelbar nach den Anschlägen auf das WTC. Das Internet-Portal Spiegel-Online veröffentlichte dereinst fast täglich Auszüge aus dem Moby-Weblog – nicht ohne zu erwähnen, wie wichtig dieses Medium wäre und wie intelligent die Beiträge seien.

So zynisch es klingen mag, doch offenbar sind es tatsächlich Katastrophen, die innovative Entwicklungen auslösen. Mittlerweile sind Blogs oft aktueller und um Stunden näher am Puls der Zeit als einschlägige TV- und Rundfunksender. So ist es nicht verwunderlich, dass allein gestern zwei längere Artikel über Weblogs und das Bloggen auf Spiegel-Online auftauchten.

Selbstverständlich geht es in einem von beiden um sogenannte Wahlblogs. Ja, irgendwas war da, kommenden Sonntag, oder so ... „Cthulhu gegen den Roten Tod“, wie es ein Mitglied auf dem Horror-Forum amüsiert formulierte. Wegen des TV-Duells der beiden hatten wir sogar den Live-Chat verschoben, der für den 4. September im Horror-Forum mit mir geplant war. „Heute schon ein politisches Blog gelesen?“, fragte Spiegel-Online-Redakteur Frank Patalong gestern zu Beginn seines Artikels. Und fügt umgehend hinzu: „Falls nicht, gehören Sie zur absoluten Mehrheit der deutschen Internet-Nutzer.“

Tja, fragt sich wie lange noch? „Webtagebücher (Weblogs, kurz Blogs) gelten als eines der dynamischsten Internetphänomene“, informierte Spiegel-Online-Redakteur Thomas Hillenbrand die Leser im zweiten Weblog-Artikel des gestrigen Tages. Und weiter: „Die größte Blog-Suchmaschine Technorati indexiert zurzeit etwa 16,5 Millionen Seiten." Der Google-Unternehmensgründer David Sifry geht davon aus, dass jede Sekunde ein neues Webtagebuch hinzukommt. Seine Prognose: In den kommenden fünfeinhalb Monaten werde sich die Zahl der Blogs im Netz verdoppeln!

Nun, wie soll man sich auf eine derartige Entwicklung einstellen? Warten und hoffen, bis es irgendwann so viele Weblogs gibt, dass alles kollabiert - oder die Stimmen von zig Millionen Bloggern sich in ein nicht weiter störendes Hintergrundrauschen verwandeln?

Weblogs, so ist im Online-Lexikon Wikipedia zu erfahren, sind vergleichbar mit Newslettern oder Kolumnen, jedoch persönlicher - sie selektieren und kommentieren oft einseitig und werden deswegen auch mit Pamphleten des 18. und 19. Jahrhunderts verglichen. Vorgestern war so eine Aussage Wasser auf meine Mühlen. Bei meinem Besuch im Dienstags-Chat des SiFi-Boards kam es daher auch unweigerlich zu einer Pro- und Contra-Diskussion über Weblogs. Es entstünde unaufhaltsam ein Marktschreier-Universum, stichelte ich. „Klar gibt es Stuss, wo Leute von ihrem belanglosen Alltag erzählen“, entgegnete mir ein Chatter auf meine halbherzige Hass-Tirade, „aber es gibt auch echte Blog-Kronjuwelen.“ Und ein anderer fügte hinzu, dass Markolf Hoffmann mich und das Panorama schließlich in seiner Kolumne für Lorp.de erwähne, in der er lesenswerte Phantastik-Blogs vorstelle. (Zitat aus besagtem Artikel: Marraks erfrischende Seitenhiebe auf den Buchmarkt und die Phantastikszene ermöglichen einen hochinteressanten Einblick in den Schriftstelleralltag.) Tja, wenn doch der wirkliche Alltag für mich auch nur halb so interessant wäre ...

Die Gesamtheit aller Weblogs, so erfährt man, wenn man nach dem Begriff „Blog“ googelt, bildet die Blogosphere, auch Blogsphäre genannt. Bin ich eigentlich der einzige, der dabei unweigerlich an den düsteren Vogonen-Planeten Vogsphäre denken muss? Und schon wieder drängt sich ein Vergleich auf zwischen vogonischer Dichtkunst und der Geistesarmut vieler Weblogs. „Schwafelkosmos“ nennen viele Blogger scherzhaft ihr neues Universum. Nomen est (hoffentlich nicht) omen ...

Nun, mein Journal ist offensichtlich unumkehrbar als Blog stigmatisiert. Einbahnstraße. In den vergangenen Wochen ertappte ich mich daher immer öfter dabei, das Panorama zu ignorieren - oder besser gesagt: mich dem Medium „Weblog“ zu verweigern. Der Grund mag sich für viele ein wenig skurril anhören und ist, wie ich jetzt feststelle, gar nicht so einfach in Worte zu fassen: Ich wehrte mich innerlich schlicht und ergreifend gegen die Auffassung, beim Panorama handele es sich um ein Blog. Ich empfand den Stempel „Blog“ als aufgezwungen und mediumsverzerrend, als leichtfertig zu verwendender Überbegriff, der alles absorbiert, was im Web einst als Tagebuch, Journal oder News-Seite begann. Der Begriff „Blog“ besitzt in meinen Augen immer noch etwas Abwertendes, Entwürdigendes, wie einst der begriff „Punk“, mit dem alles stigmatisiert wurde, was vor 25 Jahren irgendwie gesellschaftlich aus der Reihe fiel und trotzdem noch auf zwei Beinen laufen konnte.

Ich persönlich betrachte das Panorama nach wie vor als Journal, als Plattform, um hin und wieder ein paar Dinge zu erzählen, die nicht unbedingt in die News gehören, und das manchmal nur ein oder zweimal im Monat - aber nicht jeden Tag! Doch genau dies erwarten viele Blog-Leser: dass jeden Tag geblubbert wird, ob gehaltvoll oder nicht. Diese Erwartungen kann ich nicht erfüllen – und genau das war es, was mich paradoxerweise vom Panorama fern hielt.

Vor zwei Tagen war ich erstmals seit knapp drei Wochen wieder auf meiner Homepage und las einige der frühen Tagebuch-Einträge. Das erste, was mir dabei auffiel: Das Panorama feiert diesen Monat sein zweijähriges Jubiläum! Die ersten (offiziellen) Beiträge erschienen im September 2003. Eigentlich hätte es weitaus früher - im April 2003 - freigeschaltet werden sollen, doch dies scheiterte seinerzeit an der beruflichen Auslastung meines ehemaligen Webmasters. Aus diesem Grund flossen die frühesten Beiträge in damalige News-Meldungen mit ein. Das zweite, was mir beim Lesen auffiel, war die Tatsache, dass ich mich endlich mal um ein ansehnliches Archiv-System kümmern sollte. Mit den Ausdrucken der derzeitigen Seite könnte jeder Leser sein Wohnzimmer tapezieren: Man kann an einem Stück hinunterscrollen bis zum ersten Beitrag im Januar 2004 ...

Der Augenblick, in dem ich registrierte, dass das Panorama zu starr war, ließ mich zugleich einsehen, dass ich es nicht aufgeben durfte. Doch einige Dinge, so wurde mir bewusst, mussten sich grundlegend ändern. Ich habe mir in den vergangenen Wochen viele Gedanken darüber gemacht, wie es weitergehen könnte. Bisher funktionierte das Panorama als geschlossenes System. Als abgekapselte Insel. Die einzige Möglichkeit, auf einen Beitrag Bezug zu nehmen, sprich: Feedback zu erhalten, bot sich Lesern per E-Mail. Auch ein von Hand per HTML-Editor verwaltetes Archiv-System ist lästig und zudem anachronistisch.

Aus diesem Grund bin ich über meinen eigenen Schatten gesprungen und habe hier eine Art Panorama-Kolonie gegründet: Das externe Weblog A Parallax View. Bis zum Jahresende 2005 werden beide Logs parallel laufen, mit identischen Inhalten (ab heute). Allerdings bietet das Parallax-Weblog den Lesern ab sofort bequeme Möglichkeiten, auf Einträge Bezug zu nehmen und diese gegebenenfalls zu kommentieren. Zudem ist hier alles aufgeräumter und übersichtlicher, denn die Blog-Engine hält Ordnung (hoffe ich).

Ab 1. Januar 2006 integriere ich das externe Weblog schließlich in die Marrak.de-Seite, woraufhin die Parallax View das bisherige Panorama ablösen wird - mit allen Vorteilen eines modernen Weblogs. Ein sanfter Übergang ins 21. Jahrhundert sozusagen. Und bis dahin werde ich es hoffentlich auch geschafft haben, einige Vorurteile gegen Blogs abzulegen – und zudem alle Panorama-Einträge des Jahres 2004 zu separieren.

4 Kommentare:

Prospero hat gesagt…

Na dann, viel Spaß und viel Erfolg beim Bloggen - ein Vorteil ist natürlich auch der RSS-Feed. ;-)
Ad Astra

Micha (ehemaliger Webmaster :-D) hat gesagt…

Wünsche Dir auch viel Spaß und Erfolg damit! Und wollte fragen, ob Du meine Mail(s) bekommen hast!?

Khaanara hat gesagt…

Mist ! Nachdem ich Deinen Blog gesehen hatte, bin ich auch Blogsüchtig geworden :)
Aber ich schaue desöfteren mal bei Dir vorbei (ach ja und Danke noch für die "Morphogenesis"-Signatur :) )

Gruß,
Khaa

Tester hat gesagt…

Testkommentar *test*